2015: das Jahr des Rebstocks

Im Sommer 2015 hat die Rebe ihre Ausnahmestellung unter allen Kulturpflanzen ausdrücklich unter Beweis gestellt. Zumindest, wenn man sie gelassen hat und nicht in den natürlichen Kreislauf eingegriffen hat. Das, so meinen wir, war der Schlüssel zum Erfolg im extrem trockenen Jahrgang 2015.

Schon der Jahresausklang 2014 war an der Mittelhaardt vergleichsweise trocken. Im Januar 2015 brachten leicht überdurchschnittliche Niederschläge etwas Erleichterung, doch dann folgten ab Februar sieben Monate mit sehr wenig Regen. Im Vergleich zum langjährigen Mittel fehlten in dieser Zeit satte 120mm Niederschlag. Rein von den Werten her klingt das nicht sehr gut. Aber die Rebe analysiert nicht, sie kämpft. Und das hat sie 2015 bravourös gemacht. Unsere Philosophie, mit der Natur zu arbeiten, die Weinbergsarbeit an den Witterungsverlauf anzupassen, die Anlagen im Ertrag nicht zu bewässern und die Traubenzone nur auf der Schattenseite frei zu schneiden erwies sich im nicht nur trockenen sondern auch sehr sonnigen Jahr als klarer Vorteil. Viel  Sonne, warme Temperaturen und Trockenheit – dieses Trio verleitet Winzer leicht zu Aktionismus. Hier zu widerstehen ist nicht einfach, denn auf Regen hoffen kostet mehr Nerven als zu bewässern. Am 18.Juni brachte endlich ein lange herbeigesehnter Regenguss knapp 10mm Niederschlag. Am 22. Und am 27. Juni gab es jeweils nochmals die gleiche Menge. Aber der Rebstock schien gewarnt und stellte sich auch in den Folgemonaten auf die geringen Wassermengen ein.

Kommen wir zu den Vorteilen trockener, sonnenreicher Jahrgänge: 2015 geht bei uns als das vielleicht „sauberste“ Jahr der Geschichte ein. Rebkrankheiten Fehlanzeige. Noch nie hatten wir eine so einheitliche, durchgängige Reife innerhalb der einzelnen Weinberge. Bei der Weinlese konnten wir von Rebstock zu Rebstock gehen und jede Traube bei perfekter Gesundheit und mit exzellenter physiologischer Reife ernten. Los ging es am 31. August und damit so früh wie noch nie in der von Buhl’schen Geschichte mit Spätburgunder-Trauben für Sektgrundweine. Es folgten Weißburgunder und Chardonnay, auch wieder für die Produktion von Sektgrundweinen sowie die ersten Rieslinge. Da viele Parzellen zeitgleich die perfekte Reife erreichten, haben wir fünf Wochen am Stück, sieben Tage pro Woche gelesen. Ein Kraftakt. Aber es hat sich gelohnt. Mehr noch sogar. Denn wir hatten ein paar ausgesuchte Parzellen fast komplett für Auslesen, Beerenauslesen und Trockenbeerenauslesen hängen lassen und konnten dort, als die Hauptlese längst vorüber war, auch im Segment der edelsüßen Weine sehr vielversprechende Qualitäten ernten.

Nach diesen sehr ausführlichen Einblicken in den Witterungsverlauf soll auch eine erste Einschätzung der spezifischen Jahrgangsstilistik nicht fehlen. Und hier dürfen sich schon einmal alle freuen, denen unsere 2013er und 2014er Weine zu säurebetont waren. Ja, 2015 hat weniger Säure als die Vorjahre. Und das macht es unserer staubtrockenen Stilistik leichter, schon in der Jugend zu glänzen. Während sich die Guts- und Ortsweine 2013 erst jetzt zwei Jahre nach der Ernte so richtig öffnen, präsentieren sich die 2015er schon als Fassproben fruchtbetont und gut strukturiert. Sie haben eine natürliche Verführungskraft und innere Harmonie, die uns auf einen exzellenten Jahrgang hoffen lässt. Aber noch dürfen die Weine weiter schwefelfrei auf der Vollhefe reifen – auch in einem schon in der Jugend zugänglichen Jahrgang wie 2015 widersetzen wir uns bewusst und konsequent dem frühen Abfüllen und hoffen auf Ihre Geduld.

Das hört man aus Weinberg und Keller:

Werner Sebastian, Außenbetriebsleiter: dem Rebstock und seinem unfassbaren Durchhaltevermögen gebührt mein Dank in diesem extremen Jahrgang. Wir haben sensationelle Trauben geerntet nach einem dermaßen trockenen Sommer, dass ich nie gedacht hätte, dass wir überhaupt etwas ernten. Aber der Rebstock passt sich dem Klima an, und auch wir lernen jedes Jahr etwas dazu. Am meisten profitiert haben wir sicherlich von der Erfahrung aus 2003, gerade bei der Bodenbearbeitung und der Laubarbeit.  Was für ein Jahrgang, kern gesund und dann quasi alles bis hoch zu Trockenbeerenauslesen geerntet. Viel mehr kann man sich nicht wünschen als Winzer…

Mathieu Kauffmann, Kellermeister: Eins steht für mich fest – die frühe Lese war der Schlüssel zum Erfolg. Schon während der Weinlese wurde viel über vermeintlich niedrige Säurewerte gesprochen und die Ansäuerung manchenorts als tolle Gegenmaßnahme gesehen, genau wie 2013 die Entsäuerung propagiert wurde. Ich halte das für kompletten Blödsinn. Das ist alles technisch, nicht sensorisch. Wenn ich eine Sache gelernt habe in meinem Leben als Kellermeister in verschiedenen Weinregionen, dann ist es, dass man Geschmack nicht in Zahlen packen kann. Wie immer haben wir auch 2015 nicht in das innere Gefüge der Weine eingegriffen, keinerlei Anpassung von Säure, Finger weg, Harmonie kommt von innen, nie von außen! Jeder Jahrgang hat einen anderen Charakter und den sollte man schmecken und nicht verfälschen. 2015, das kann man schon jetzt nach dem Verkosten im Keller klar sagen, verfügt über eine beachtliche Fruchtausprägung und Intensität, die Weine haben wahnsinnig Druck und innere Kraft, ohne aber alkoholisch und schwer zu sein.